Ihr checkt nicht!

Ihr checkt nicht! - Plädoyer für unsere Generation
Von Fine Hornbostel und Karla Machalett
Wehrpflicht, Mietenwahnsinn, kaputte Schulen, am Horizont immer mehr soziale Ungleichheit und die Klimakrise - und wer protestiert, ist plötzlich ein „gewaltbereiter Mob“. Während Unions-Politiker vor linksextremer Eskalation warnen, bevor überhaupt etwas passiert ist, landen die eigentlichen Anliegen der Jugend im Nebensatz. Ein Blick auf den medialen Diskurs um die Jugendproteste am 31.10. - und wem es wirklich nützt.
Wer uns junge Menschen immer wieder dazu auffordert, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, muss auch bereit sein, zuzuhören, wenn wir diese Verantwortung einfordern. Demokratie bedeutet schließlich nicht nur, dass wir ab 18 wählen dürfen. Sie bedeutet auch, dass junge Interessen, Sorgen und Forderungen ernst genommen werden, bevor aus Frustration noch weitere Resignation wird. Wenn sich die Jugend enttäuscht von der Politik abwendet, fragen sich viele in der Politik, warum wir uns nicht mehr für Demokratie begeistern.
In einer Demokratie soll es Chancengleichheit geben, aber Deutschland ist weltweit eines der Länder mit den meisten Milliardär:innen. Davor kommen nur die USA, China und Indien. Die Ungleichheit in Deutschland wächst, während sozialer Aufstieg immer schwieriger wird. Was passiert mit einer Demokratie und einer Gesellschaft, wenn nachhaltige Lebensbedingungen nicht mehr gewährleistet sind, sich in der Politik vor allem die Reichen durchsetzen und Wohlergehen weniger vom eigenen Einsatz als von dem Vermögen der Eltern abhängt?
Vielleicht sollte man uns dann einfach nochmal erklären, dass es kaum ein so lebenswertes Land wie Deutschland gibt.
Natürlich wissen wir, dass es Deutschland noch immer besser geht als anderen Ländern. Dennoch bleibt bei uns wie bei vielen jungen Menschen der Eindruck, den ein Jugendlicher in der ARD-Arena mit Bundeskanzler Merz auf den Punkt brachte: “Warum soll ich für ein Land kämpfen, das nicht für mich kämpft.?”
Niemand bezweifelt, dass die Jugend in Deutschland im Vergleich zu jungen Menschen in anderen Ländern privilegiert ist. Trotzdem geht dieser Einwand am eigentlichen Punkt vorbei: Die Frage ist, welche Zukunft uns versprochen wurde, welche Zukunft tatsächlich noch offensteht und, vor allem, wer darüber entscheidet. Dass es anderen schlechter geht, macht die eigenen Probleme nicht unwirklich. Und dass ein Land heute noch wohlhabend ist, bedeutet gerade nicht, dass seine Zukunft gesichert ist. Vor allem wenn sich die Sicherung von Wohlstand und Wohlergehen nur auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe bezieht.
Europaweite Jugendproteste
Es ist bemerkenswert, wieviel politische Aufmerksamkeit und mediale Berichterstattung sich derzeit auf die Frage von vermeintlicher Gewalt bei den Jugendprotesten in Europa richtet. Auch in Deutschland machen Politiker:innen bereits jetzt schon Stimmung gegen die für den 31.10. angekündigten Proteste. Das, obwohl die Initiative „Gen Z regelt“, die zu den Protesten aufgerufen hat, selbst deutlich erklärt, dass sie gegen jegliche Form von Gewalt ist. Der Fokus auf diese vermeintliche Gewalt schiebt die berechtigten Sorgen unserer Generation in den Hintergrund und erkennt sie nicht mal an.
Vor allem Politiker Mitte rechts und rechts der Mitte – und ja, bezeichnenderweise sind es auch nur Männer - schwören gewaltvolle Eskalationen herbei. Alexander Dobrindt (CSU) warnt vor der "linksextremistischen Szene" und "ausländischen Mitgliedern", die die Proteste unterlaufen werden. Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) spricht von einem "gewaltbereiten Mob" und kündigt an "mit aller Härte des Rechtsstaats zurückzuschlagen". Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) macht deutlich, dass die Polizei "stark aufgestellt" sein wird und "keinerlei Gewalt gegen Personen und Sachen dulden" wird.
Aber wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass es in Deutschland genauso eskalieren wird, wie in Frankreich? Große, bundesweite Protestwellen haben in Deutschland bekannterweise in der Vergangenheit die Straßen geplündert und verwüstet hinterlassen (hallo, Ironie). Wer erinnert sich nicht an den gewaltbereiten Mob bei den Fridays For Future und Brandmauer -Protesten? Es ist offensichtlich, dass wir eine andere Protestkultur haben als in Frankreich.
Und ist es Zufall, dass hier die Jugend – mal wieder - gleich auf zwei Feindbilder reduziert wird: die Linksextremen und die Ausländer?

Mediales Ablenkungsmanöver?
In Frankreich sind die Gewaltbereiten eine kleine Minderheit, mit der sich die große protestierende Mehrheit selbst eben nicht identifiziert. Und dennoch dominiert das Framing der „gewaltbereiten Linksextremisten“ den Diskurs derzeit maßgeblich.
Die Konsequenzen dieses Narrativs sind nicht zu unterschätzen. Nicht nur wird Polizeigewalt gegen Demonstrierende im Voraus legitimiert und normalisiert, sondern Demonstrierende werden auch kriminalisiert. Dabei üben sie nur ein verfassungsmäßig verankertes Grundrecht aus.
Doch noch mehr als das: Die derzeit laufende mediale und politische Kampagne gegen die Jugend verhindert auch die mögliche Solidarisierung auf Seiten von „Erwachsenen“. Dabei sind es nicht nur wir, die diese Sorgen herumtreiben und sich engagieren. Fakt ist: Auch viele Eltern und Großeltern machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Welche übrigens auch in der Bundesrepublik und auch anderswo in Europa die demographisch größere Gruppe potentieller Wähler:innen ausmachen. Doch wer möchte sich schon mit einem plündernden, gewaltbereiten, radikalen Mob solidarisieren?
Mit welchem Ziel machen führende Politiker:innen und Medien Stimmung gegen die Jugendproteste? Ist es, um zu verhindern, dass sich die Älteren, genauer mit den Anliegen der Jugend auseinandersetzen?
Wie bequem ist es doch für die Politik, die Medien und die restliche Bevölkerung sich auf die vermeintlich gewaltbereiten und radikalen Linken zu fokussieren. So spart man sich echte Lösungen für steigende Lebenserhaltungskosten, Sparkurse bei Bildung, Gesundheit, Sozialem und Kultur, soziale Ungerechtigkeit, die Klimakrise und die Wehrpflicht zu finden. Diese Themen sind übrigens direkt aus dem Positionspapier von „Gen Z regelt“ übernommen.
Wessen Gewalt?
Auch wir sind gegen Gewalt, wie die meisten unserer Generation. Die Jugend als Gefahr für die öffentliche Ordnung darzustellen, anstatt sich mit den Gründen auseinanderzusetzen, wegen denen sie überhaupt auf die Straße geht, ist aber auch Gewalt. Eine, die unsere Gesellschaft und die Generationen spaltet und somit die Demokratie gefährdet.
Die Frage ist, warum eine Generation, die noch so viel Zukunft vor sich haben sollte, trotzdem daran zweifelt, dass diese Zukunft für sie besser wird. Steigende Mieten, kaputtgesparte Bildungseinrichtungen, soziale Ungleichheit und eine eskalierende Klimakrise sind Probleme, die sich eben nicht mit Schlagstöcken, Tränengas und Warnungen vor dem nächsten gewaltbereiten Mob beantworten lassen. Das war mit wehrhafter Demokratie nicht gemeint.

Rechte profitieren
Noch viel schlimmer ist, dass die Erzählung von vermeintlich aggressiven, wutentbrannten Teenies direkt den autoritären und rechten Kräften in unserem Land und anderswo in die Karten spielen. Das ist doch perfekt, wenn die Demokratien der Europäischen Union nicht regierbar sind und in Flammen untergehen. Kein Wunder, dass Trump und Putin genüsslich den Untergang Europas prophezeien und sogar das Ende der westlichen Zivilisation beschwören! Und was macht die AfD? Sie beeilt sich mal wieder zu versichern, dass natürlich nur sie sich um die sozialen Probleme der Menschen kümmern wird – obwohl ihr Parteiprogramm genau das Gegenteil beweist.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es immer wieder vor allem die jungen Menschen waren, die soziale Missstände aufgezeigt und für Veränderung gekämpft haben: die weiße Rose gegen den Nationalsozialismus, die 68er-Bewegung für Demokratisierung und Emanzipation und gegen den Vietnamkrieg, die jungen Protestierenden in der DDR, die ersten Grünen für mehr Umweltschutz in der BRD.
Es ist offensichtlich: wir checken – aber checkt Ihr?
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