DER DÉJÀ-VU
MOMENT

DÉJÀ-VU: Autokraten profitieren. Die Rechnung zahlen alle.

Erneuerbare Energien stehen nicht nur für Klimaschutz

Von Fine Hornbostel

Die Ukraine-Erfahrung hat gezeigt, wie teuer und riskant fossile Abhängigkeiten sind. Der israelisch- amerikanische Krieg gegen den Iran treibt die Ölpreise erneut nach oben. Warum wird hieraus nicht konsequent gelernt? Erneuerbare Energien bedeuten mehr Souveränität, mehr Sicherheit und weniger Kosten — wenn die Energiewende endlich konsequent und sozial gerecht umgesetzt wird.

Es gibt sie immer mehr. Auf Häusern, Supermärkten, an Balkonen: Solaranlagen. Und sie erzählen eine Geschichte über Menschen, die entschieden haben: Wir warten nicht mehr. Wir machen es selbst. Und wir geben die Macht über unseren Geldbeutel nicht länger Autokraten, Diktatoren oder Staatsführern, die Öl- und Gaspreise mit unberechenbarer Weltpolitik diktieren. Wie jetzt im Zuge der neuen Gewalt im Nahen Osten.

Eigentlich ist das nichts Neues. Als Russland 2022 in die Ukraine einfiel, spürten wir das in Deutschland vor allem in unserem Heizkeller und an den Tanksäulen: Die Kosten für Heizung, Strom und Sprit explodierten.

Natürlich bezahlen die Ukrainer:innen einen viel höheren Preis: Seit nunmehr vier Jahren kämpfen sie gegen Russlands brutale Übermacht um ihre Unabhängigkeit.

Aber ausgerechnet von dieser brutalen Übermacht an der Grenze Europas hatten wir uns zuvor abhängig – und damit erpressbar – gemacht. Insgesamt 51 Prozent, also mehr als die Hälfte des von Deutschland verbrauchten Erdgases wurden 2021 noch aus Russland importiert – trotz einer von Moskau bereits längst besetzten Krim.

„Kein Despot kann Sonne oder Wind abschalten“,
„Kein Despot kann Sonne oder Wind abschalten“, titelte ein Beitrag von Sicherheitsexpert:innen führender deutscher und europäischer Think Tanks kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Im Gegensatz dazu liefern fossile Energien importierende Länder wie Deutschland einer immer volatileren Weltpolitik und damit weder berechen- noch kontrollierbaren Öl- und Gaspreisen aus, so die Feststellung der Expert:innen. Die Entscheidung, stur auf Gas oder Öl zu setzen, hatte und hat einen Preis – für die Sicherheit unserer Demokratie genauso wie für unseren Geldbeutel.

Doch nur vier Jahre später wiederholt sich das Muster. Heute steigen an deutschen Tankstellen die Preise wieder. Die Abhängigkeit ist dieselbe geblieben.

Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran hat sich mittlerweile auf die gesamte Nahost-Region ausgeweitet - mit zahllosen Toten, unvorstellbarem Leid und fast 3,2 Millionen Vertrieben, die im Iran ihre Heimat verloren haben.

Fossile Energien: blutbefleckt, teuer, klimaschädlich
Auch wenn sich Deutschland aus diesem Krieg heraushält, so bleiben zwei grundsätzliche Fragen. Die erste: Wollen wir wirklich weiter von autokratischen Regimes abhängigen bleiben und durch den Import fossiler Rohstoffe auch ihre undemokratische Herrschaft und sogar ihre Kriege weiter finanzieren?

Und die zweite: Warum wird der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht konsequenter vorangetrieben – obwohl sie uns nicht nur unabhängiger machen, sondern sogar billiger und klimafreundlicher sind?

Foto: Manfred Antranias Zimmer / Pixabay

Zögern in der Energiewende bedeutet neue Abhängigkeit
Während Deutschland zögert, setzen andere Länder Rekorde: China liegt beim Ausbau erneuerbarer Energien mit Abstand vorne. Aber auch Länder in Südamerika, Afrika und Südostasien wenden sich von fossilen Energien ab und setzen auf erneuerbare – vor allem mit günstigen Solaranlagen und E-Autos aus China. Pakistan durchläuft gerade eine der schnellsten Solar-Revolutionen überhaupt: In nur sechs Jahren stieg der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix auf 30 Prozent. In Nepal sind 76 Prozent der neu zugelassenen Autos elektrisch betrieben.

Das zeigt ein Muster: Länder, die besonders unter Druck stehen - durch Krisen, Sanktionen, Preise –, handeln am schnellsten.

Umgekehrt heißt es: Deutschland und andere westliche Länder, die beim Ausbau der erneuerbaren Energien erneut zögern, nehmen neue Abhängigkeiten in Kauf. Je langsamer wir sind, umso mehr vergrößert sich der Vorsprung, den vor allem China im Ausbau von Technologien und Rohstoffen hat.

Auch China ist kein demokratisches Land. Wollen wir erneut abhängig und damit erpressbar werden?

Deutschland: Kurzsichtpolitik trotz Warnungen der Wirtschaft
Die Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz dreht die Energiewende derzeit zurück: Das Netzpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bremst den Ausbau von Solaranlagen. Das sogenannte Gebäudemodernisierungsgesetz verlangsamt den Wechsel zu erneuerbaren Heizquellen und verstetigt damit Öl- und Gasheizungen. Was daran modern sein soll, lässt sich diskutieren.

Ausgerechnet die Unternehmen und die Wirtschaft – eigentlich Kernklientel von CDU und CSU - formieren sich dagegen. Mittlerweile unterstützen 3.837 Unternehmen den Wirtschaftsappell gegen die Energiepolitik der Bundesregierung – darunter nicht nur Energiekonzerne, sondern Anwaltskanzleien, Werbeagenturen, Bauernhöfe, Apotheken, Bäckereien, Tourismusanbieter. Studie über Studie belegt außerdem: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland will Klimaschutz und erwartet, dass Klimaziele eingehalten werden.

Talking Hope setzt sich für eine sozial inklusive Energiewende ein: Erneuerbare Energien sind  „Freiheitsenergien“,um eine von Christian Lindner nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs gern beschworene Parole zu nutzen. Daran hat sich nichts geändert. Wir sind aber zugleich überzeugt: Erneuerbare Energien sind auch sozialere Energien, weil sie langfristig deutlich günstiger sind – ob beim Heizen oder beim Tanken. Dass sie unsere Zukunft gleichzeitig für unsere Kinder und Enkel schützen, ist hier nur eines unter mehreren Argumenten.

Die Energiewende hat eine soziale Schieflage
Freiheit durch Energie ist real, aber sie muss auch Freiheit für alle heißen. Und das heißt: Sie muss sozial gerecht umgesetzt werden.

Hier aber besteht eine erhebliche Schieflage: Immerhin 40 Prozent etwa der staatlichen Förderungen für Sanierung und Heizungstausch bei privaten Wohnhäusern wurden zuletzt von den einkommensstärksten 25 Prozent abgegriffen, so bestätigt ein Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie über die Verteilung staatlicher Förderungen im Gebäudebereich 2024. Das von der Merz-Regierung beschlossene Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) treibt laut einer Analyse des Oeko-Instituts vor allem Mieter:innen und damit auch Sozial Schwächere in eine neue Heizkostenfalle, weil es die Abhängigkeit von immer teurer werdendem Gas nicht beendet.

Die Energiewende ist längst nicht primär ein technologisches Problem, sondern eine soziale und demokratische Herausforderung. Fakt ist: Ohne die Beteiligung auch der weniger Wohlhabenden und von Menschen aus sozial benachteiligenden Kontexten wird sie nicht gelingen. Ihre Akzeptanz ist nötig – und von ihrem Engagement profitiert die gesamte Gesellschaft – Reichere genauso wie Ärmere. Brauchen wir nicht alle Luft zum Atmen?

Die Energiewende ist zu wichtig, um sie primär dem Markt oder autoritären Regimen zu überlassen – und zu dringend, um auf Regierungen zu warten, die lieber zurückrudern.